Pressemeldung

Der Mut, das eigene Kunstwerk zu zeigen

10.09.2013 - Von: Taunuszeitung vom 10.9.2013 Michelle Spillner

Bei der Auktion beim Atelierfest der Kunsttäter waren mehr Künstler anwesend als sonst. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Künstler haben nicht freiwillig gearbeitet.

Das hübsche Pinguinpaar aus Ytong, der Totenkopf aus Speckstein, die Clown-Skulptur aus Holz, Metall und Acryl - all diese Kunstwerke sind Ergebnisse einer erzieherischen Maßnahme. Sie wurden erschaffen von Jugendlichen im Alter von 14 bis 22 Jahren, die straffällig geworden sind und die als Sanktion Sozialstunden ableisten müssen.

In 13 Jahren haben mehr als 400 straffällig gewordene junge Männer und Frauen die Kunstwerkstatt durchlaufen. Seit vier Jahren gibt es das Atelierfest, bei dem die Kunstwerke versteigert werden. „Dieses Mal haben wir sechs Objekte versteigert und rund 600 Euro eingenommen, die wir wieder gut für die Arbeit unseres Vereins gebrauchen können“, sagt der Kunst- und Sozialpädagoge Andreas Hett, der das Atelier mit der Bildhauerin Regina Planz leitet.

Dabei geht es aber bei weitem nicht nur darum, Geld einzunehmen. Die künstlerische Arbeit als Auflage ist für die Jugendlichen eine Möglichkeit, sich neu kennenzulernen und persönlich zu reifen. Und schließlich zu erleben, dass das eigene Kunstwerk Bewunderer findet und bei der Auktion heiß umkämpft wird, macht stolz. Für Andreas Hett kommt hinzu, dass es für die gemaßregelten Künstler ja nun auch nicht gerade leicht ist, bei einer Auktion dabei zu ein. Wer sich als Künstler, sprich Kunsttäter, zu erkennen gibt, verrät, dass er etwas ausgefressen hat. „Da muss man schon Rückgrat haben“, sagt Hett. Und das hatten einige Jugendliche. Tim (Name von der Reaktion geändert) ist noch mittendrin in seinen Arbeitsstunden. Die Frage, weshalb ihn das Jugendgericht zum Atelierdienst verdonnert hat, ist ihm unangenehm. Eine Dummheit eben, sagt er. Er hat aus einem Speckstein eine sehr schöne Schlange gefertigt.

Andere Kunsttäter trauen sich sogar, selbst ihre Skulpturen zu zeigen, während Auktionator Alexander Hoffmann die Kunstwerke und ihre Einstiegspreise aufruft.

Tim gibt sich gelassen. Ja, die Arbeit sei schon ganz okay. Dass er nach dem Abarbeiten seiner Stunden wieder in das Atelier komme, könne er sich nicht vorstellen. „Vielleicht macht mein angefangenes Kunstwerk ein anderer fertig.Viele lassen es schleifen

„In den 13 Jahren haben wir nur zwei Mal erlebt, dass die Jugendlichen wiedergekommen sind und weitergemacht haben“, bedauert Hett. Meistens sei es so, dass die Jugendlichen den Hammer fallen lassen, sobald die Stunden abgeleistet sind. Jugendliche, die stringent ihre Stunden abarbeiteten, seien selten. Viele ließen es schleifen. „Wir könne sie ja nicht zwingen hierherzukommen“, erklärt Hett. Wer seine Stundenzahl aber nicht erfüllt, bekommt von Amts wegen Arrest aufgebrummt und muss die Stunden dennoch nacharbeiten. Aber auch diese Aussicht könne der zunehmenden Ignoranz und Unzuverlässigkeit bei den Jugendlichen nichts entgegensetzen, bedauert Hett.

Die mit mehr als 100 Gästen große Besucherzahl belege, dass die Kunsttäter in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden, freut sich Hett. Sie haben mittlerweile internationale Aufmerksamkeit erfahren. Im Oktober darf Andreas Hett bei einer von der EU organisierten Tagung in Palermo als einer von 18 Vereinen und Einrichtungen aus ganz Europa, die mit straffälligen Jugendlichen arbeiten, das Oberurseler Projekt vorstellen, das Vorbildcharakter hat.