Pressemeldung

Spielen, um nichts zu vergessen

26.06.2017 - Von: JÜRGEN STREICHER, FRANKFURTER RUNDSCHAU

Oberursel Film von Andreas Hett beim Deutschen Generationenfilmpreis ausgezeichnet

Die Grundidee stammt von Herrn D. aus dem Agnes-Geering-Heim. Im Pflegeheim
hat der demenzkranke ältere Herr fliegende Fische gebastelt. Wie viele
Jahrzehnte zuvor als kleiner Bub. Aus Papier, stilisiert, wie das
Fischsymbol, das das Heck vieler Autos von Christen ziert. Fliegende
Fische, ein „Sinnbild für den dahinfliegenden Geist und für die Endlichkeit
des Lebens“. So hat es der Oberurseler Künstler und Kunsttherapeut Andreas
Hett interpretiert, der seit Jahren mit dementen alten Menschen arbeitet.
Und ein Projekt initiiert, das in dem Film weiterlebt, der beim „30.
Bundes.Festival.Film.“ am Wochenende in Mainz ausgezeichnet wurde.

Die fliegenden Fische von Herrn D. schweben im Film „Wir spielen, damit wir
nichts vergessen“ mit vielen anderen Papierfetzen aus luftiger Höhe von
einem Kirchturm zu Boden. „Mit seiner Poesie der schwebenden Schnipsel
vermag der Performance-Künstler nicht nur die Patienten sondern auch die
Zuschauer begeistern“, lobt die Jury des Deutschen Generationenfilmpreises
in der Begründung für die Vergabe des Hauptpreises „Besondere Anerkennung“
an Andreas Hett. Sein Kunstprojekt mit jungen Menschen und alten Menschen
mit Demenz belege, „dass gesellschaftliche Integration durch Kunst gelingen
kann“.

Generationen übergreifend sollte das Projekt sein. Mit Kathrin Fink kommt
eine zweite Ideengeberin ins Spiel, Oberursels Seniorenbeauftragte. Sie
hatte sich das Kunstprojekt Demenz von Hett gewünscht und wollte dabei
gerne junge Menschen integrieren. Gefunden hat Hett seine jungen Partner
unter den Teamern der Konfirmandengruppen der Christuskirche. Sechs
Jugendliche, die sich sechs Wochen lang mit acht greisen und demenzkranken
Menschen im Alten- und Pflegeheim Haus Emmaus in Oberursel getroffen haben.

„Es war beeindruckend, mit welchem Spaß und Ernsthaftigkeit die Bewohner
dabei waren“, sagt Einrichtungsleiterin Beate Lempp. Bei der Produktion der
fliegenden Fische und von drei großen gemeinsamen Bildern mit den Namen
aller Teilnehmer, mit Handabdrücken. Zerschnitten haben sie alles am Ende,
„Demenz und die Endlichkeit unseres Lebens“ war der Arbeitstitel des
Projekts mit abschließender Performance. Im strömenden Regen haben Junge
und Alte Papier-Fische und die Einzelteile der zerschnittenen Bilder vom
Turm der Christuskirche geworfen und dabei alle den dahinfliegenden Geist
und immer die Endlichkeit gespürt.

Als „sehr ergreifend“ haben Beate Lempp und Andreas Hett die Premiere der
filmischen Dokumentation über die künstlerische Begegnung von sehr jungen
und sehr alten Menschen erlebt. In einer „kleinen Prozession“, so Lempp,
sind sie da rübergezogen in das ein paar hundert Meter entfernte
Oberurseler Kleinkino „bluebox portstrasse“. Alle Beteiligten, die
irgendwie noch konnten, im Rollstuhl oder mit Rollator. Eine Frau, die im
Film eine tragende Rolle spielt, war nicht mehr dabei. Aber sie lebt weiter
im Film, das sieht nicht nur der Filmemacher so. „Er bringt gut rüber, was
wir gemacht haben und wie wir uns gegenseitig geholfen haben“, sagt Anna
Marte, inzwischen 17-jährige Gymnasiastin aus Oberursel. Alle leben weiter
im Film, Jannik (17), der auch dabei war, „regt er noch heute zum
Nachdenken an“.

Gezeigt wurde der Film nach der Premiere bei einer Veranstaltung zum
Welt-Alzheimertag in Hofheim, beim Europäischen Filmfestival der
Generationen in Frankfurt und nun als Höhepunkt für den Macher Andreas Hett
beim Deutschen Generationenfilmpreis. Unter 800 Einsendungen kam er in die
Runde der 40 für den Preis in mehreren Kategorien nominierten Filme, die in
Mainz gezeigt wurden.