Pressemeldung

Der Tag, an dem ich Landgraf war

04.12.2014 - Von: Taunuszeitung, Simone Dittmar

Es war eine gelungene Premiere: „Mit Kopfbedeckungen in die Vergangenheit“ lautete das Motto der ersten Führung durch das Schloss, die sich speziell an Menschen mit Demenz richtet und den Betroffenen eine kulturelle Teilhabe ermöglichen möchte.

Bad Homburg. 

Bernhard-Wilhelm Kreutz wollte seine dunkelbraun gelockte Langhaarperücke am Ende der Führung gar nicht mehr hergeben. „Die hält so schön warm“, erklärte er im weihnachtlich geschmückten Schlosshof und sah damit Landgraf Friedrich II., der auf einer Büste aus rotem Sandstein hoch über dem Torbogen eine ähnliche Perücke trägt, zum Verwechseln ähnlich.

Im Jahr 1673 ernannte Ludwig XIV. (1638–1715), besser bekannt als Sonnenkönig, die so genannte Allongeperücke zur Staatsperücke. Daraufhin ließen sich auch andere europäische Herrscher eine solch künstliche Haarpracht anfertigen; immerhin galten damals lange Haare als Zeichen der Würde. Zu jenen Herrschern gehörte auch Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg (1633–1708), ein Zeitgenosse des Sonnenkönigs.

Es waren Anekdoten wie diese, die Museumspädagogin Dr. Britta Reimann während der rund einstündigen Führung durch das Schloss zum Besten gab. „Mit Kopfbedeckungen in die Vergangenheit“ lautete das Motto der ersten Führung für Menschen mit Demenz im Homburger Schloss.

Ankommen beim Kaffee

Reimann und der Kunstpädagoge Andreas Hett, der seit mehr als 20 Jahren mit demenzkranken Menschen arbeitet, hatten das Konzept gemeinsam erarbeitet. Sie führten die kleine Gruppe durch die Räumlichkeiten von Prinzessin Elizabeth im Englischen Flügel. Zuvor wurde im festlich gedeckten Louissaal gemeinsam Kaffee getrunken. „Kommen Sie erst einmal im Schloss an und trinken Sie einen Kaffee oder ein Glas Saft“, sagte Hett zur Begrüßung. Damit wolle man erreichen, dass sich die Teilnehmer in der fremden Umgebung akklimatisieren und wohlfühlen, so Reimann.

Gemeinsam mit Alexandra Rauf, der Koordinatorin der Demenz-Angebote und Alltagsbegleiterin der Ökumenischen Sozialstation Bad Homburg, waren sechs an Demenz erkrankte Frauen und Männer ins Schloss gekommen. Rauf hatte die Teilnehmer zuvor ausgewählt, der Fahrdienst der Station setzte die kleine Gruppe im Schlosshof ab. Seit 2009 betreut der ambulante Dienst der Ökumenischen Sozialstation Menschen mit Demenz – sei es in der häuslichen Umgebung der Klienten, bei den wöchentlich stattfindenden Gruppennachmittagen oder bei gemeinsamen Ausflügen. Auch Margaretha Leuwer von der Fachstelle Demenz der Stadt Bad Homburg und des Hochtaunuskreises wollte sich diese Premiere nicht entgehen lassen; der Kreis hatte den Nachmittag im Schloss finanziert.

Schöne Augenblicke

In den Räumlichkeiten der englischen Prinzessin Elizabeth (1770–1840), die um 1800 im Homburger Schloss lebte und mit Landgraf Friedrich VI. verheiratet war, gingen die Teilnehmer gemeinsam auf Spurensuche. In jedem Zimmer des Englischen Flügels gab es eine andere Kopfbedeckung zu entdecken. Diadem, Perücken, Strohhüte und Zylinder konnten anschließend anprobiert werden – sehr zur Freude der sechs Frauen und Männer sowie derer Begleiter.

Im ersten Halbjahr 2015 sollen weitere Führungen zum Thema „Zeitreise im Schloss – ein Nachmittag für Menschen mit Demenz“ für betreute Gruppen angeboten werden, verriet Dr. Britta Reimann. Ziel der Veranstaltungen sei es, die Lebensqualität der Betroffenen durch die Schaffung schöner Augenblicke zu steigern.

Andreas Hett machte während der Führung von jedem Teilnehmer mit Kopfbedeckung ein Polaroid-Foto als Andenken. So hat auch Bernhard-Wilhelm Kreutz, dem die braunen Locken der Allongeperücke im Schlosshof bis auf Brust und Rücken fielen, eine bleibende Erinnerung an den Tag, an dem er in die Rolle von Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg schlüpfte.

Interessierte Gruppen, die eine solche Führung für Menschen mit Demenz buchen möchten, können sich bei Dr. Britta Reimann unter der Telefonnummer (0 61 72) 92 62-1 22 oder per E-Mail an museumspaedagogik@schloesser.hessen.de anmelden.